Der Zürcher Parfümeur Andreas Wilhelm tanzt nach seiner eigenen Nase – doch wie gehen Rebellion und Unternehmertum zusammen? Und wie riecht eigentlich Selbstbestimmung?

Es gibt viele Ausdrücke wie «die Welt mit neuen Augen sehen», aber keine Pendants dazu, was nach einem Gespräch mit Andreas Wilhelm passiert – deshalb muss diese Formulierung herhalten: Man riecht die Welt mit einer neuen Nase. Wenn der 45-jährige Parfümeur, der Menschen auf der ganzen Welt mit seinen Kreationen begeistert, über seine Passion erzählt, kann man nicht anders, als die eigene Geruchsignoranz zu betrauern: So viele Eindrücke, die unregistriert verfliegen! Man nimmt sich vor, viel bewusster zu riechen.

Bei Wilhelm war die Nase schon von Kindesbeinen an hochempfindlich. Dass er aber eine Lehre als Chemielaborant in der Grundstoffforschung Parfümerie beim weltweit grössten Hersteller von Aromen und Duftstoffen absolvierte und so zur Duftkunst kam, verdanken wir einem Berufsberater – der riet ihm aufgrund von Lehrstellenmangel von Wilhelms eigentlichem Plan, Goldschmied zu werden, ab. Sein Arbeitgeber hingegen hatte jährlich fünf Stellen zu vergeben und war ausserdem für den Walliseller nah, in Dübendorf. «Und so kam es, dass ich heute Moleküle verbiege statt Gold», sagt Wilhelm trocken – doch eigentlich verbindet ihn mit Düften eine wilde Romanze.

In all seinen Kreationen steckt Herzblut, so viel, dass er sein Label «PERFUME.SUCKS» ursprünglich nur gründete, um den Düften, die seine Auftraggebenden verworfen hatten, eine weitere Chance zu geben. Der Name beinhaltet alles, was ihn an der Branche stört und wofür er mit seiner Arbeit stehen will: Düfte statt Parfüms, Simplizität statt Chichi, Transparenz statt Marketinggerede. Auf jedem Duft ist die komplette Liste der Inhaltsstoffe angegeben (ein Schocker in der Welt der Parfümerie), das Packaging ist einfach, die Preise fair. Ein Gespräch über Geschäfte und Gerüche.

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Wie riecht «Selbstbestimmung – Le Parfum»?
Das ist natürlich sehr individuell. Das kann für einen urigen Schweizer nach Raclette riechen, für andere vielleicht nach Watermelon Snow, ein Molekül, das Algen auf dem Gletscher produzieren. Das ist der Geruch an einem Herbsttag auf dem Bellevue, wenn es im Glarnerland das erste Mal geschneit hat, ozonig, frisch. Für mich riecht Selbstbestimmung nach meinem Labor.

Wie selbstbestimmt sind Sie in Ihrer Arbeit und wie wichtig ist das für Sie?
Selbstbestimmung ist mir das höchste Gut. Klar kann ich nicht immer nur nach meiner Nase tanzen, aber ich kann – wenn es mit den Auftraggebenden gut funktioniert – mich bei jedem Projekt so einbringen, dass es für mich stimmt.

Sie sind ein Freigeist, man könnte auch sagen ein Rebell – wie geht das zusammen mit der Selbstständigkeit?
Nun ja, sagen wir so: Ich würde mich heute vielleicht nicht noch mal für die Selbstständigkeit entscheiden. Damals war mir nicht ganz bewusst, was die so mit sich bringt, ich wollte die Welt verändern, Düfte machen, die die Menschen bewegen. Aber sehr viel ist halt Papierkrieg, das ist nicht so mein Ding. Wenn ich kreiere, muss ich alles um mich herum vergessen können – sprich die Akquise bleibt dann auf der Strecke. Und umgekehrt.

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Wie sollte man an einem Bewerbungsgespräch riechen?
Es kommt darauf an, für welche Position man sich bewirbt. Für Private Banking würde ich etwas Diskretes wählen, das man aber durchaus wahrnimmt, etwas Exklusives, das nicht jeder hat. In einem Job, in dem man immer an der Front ist, in dem sich die Leute auch an einen erinnern sollen, darf es ruhig etwas Auffälligeres, Opulentes sein.

Was ist richtig: in die Luft sprühen oder direkt an den Körper?
Wenn man in die Luft sprüht und den Duft auf sich niederrieseln lässt, hat man die Sillage eines Duftes, also das, was «übrigbleibt». Das ist eigentlich nie falsch. Aber es gibt durchaus auch körpernähere Parfums, die direkt aufgetragen werden dürfen. Früher sagte man auch, Extraits solle man hinter die Ohren geben, dann nimmt man sie eigentlich nur bei der Begrüssung mit Küsschen wahr.

Was passiert, wenn Sie einen Auftrag bekommen für einen Duft, hinter dem Sie nicht stehen können?
Das gibt es eigentlich nicht. Voraussetzung für jede Zusammenarbeit ist, dass der Auftraggeber und ich uns riechen können. Ich sage jeweils: Ich bin das Auto, du bist der Fahrer. Es geht nicht darum, was ich mag oder nicht, sondern um meine Fähigkeit, Harmonien herzustellen.

Es gibt wirklich kein Parfum, das Sie nicht ausstehen können?
Nein, eigentlich nicht. Sobald ich etwas rieche, beginne ich zu analysieren, da hat es keinen Platz für mögen oder nicht mögen. Aber klar, wenn jemand im Hochsommer einen ultraschweren Duft trägt, habe ich keine Freude. Andererseits freue ich mich aber, dass die Person sich das traut! Hut ab! Oder ein anderes Beispiel: Ein Freund von mir trägt einen alten, sehr prägnanten Herrenduft. Diesen finde ich scheusslich. Aber es ist halt Marc, so riecht Marc. Den Duft kriegt man nicht mehr, jetzt mische ich ihn für ihn. Mich stören nur Gerüche, die ich nicht einordnen kann.

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Selbstbestimmung ist mir das höchste Gut, auch wenn ich nicht immer nur nach meiner Nase tanzen kann.

Entsteht ein Duft im Kopf oder ist es ein Ausprobieren?
Primär im Kopf. Als Allererstes, zumindest in einem industriellen Setting, schreibe ich am Computer ein Rezept. Danach kommt das Feintuning, dort wird auch ausprobiert. Denn Parfümerie ist nicht wie Mathematik, hier kann sieben plus vier durchaus auch mal null geben. Sie ist nicht logisch. Zwei Rohstoffe, die nicht nach Apfel riechen, können zusammen nach Apfel riechen.

Könnten Sie auch ohne Geruchssinn arbeiten?
Das habe ich mir auch schon überlegt. Wenn ich ein Team habe, vor allem im industriellen Setting, dann geht das. Ich habe so viele Düfte verinnerlicht, auch das Harmonieverständnis. Das Problem entsteht erst, wenn es um neue Inhaltsstoffe geht.

Verändert sich Ihre Nase oder ist sie immer gleich?
Ich teste sie jeden Morgen, rieche immer an den zwei, drei gleichen Rohstoffen. Die Nase ist dem Hormonzyklus unterstellt. Frauen riechen während der Menstruation weniger, während des Eisprungs mehr. Bei Männern ist es so, dass sie vielleicht elf Monate lang normal riechen, dann aber einen Monat lang nichts.

Was ist das Beste an Ihrem Beruf?
Dass Parfümerie nicht messbar ist. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Und an meinem Set-up, dass ich die Projekte selbst aussuchen kann, dass jeder Tag eine neue Reise ist.

Das Nervigste?
Ganz klar, dass immer, wenn ich eine neue Person kennenlerne und sage, was ich beruflich mache, der Satz fällt: «Was trage ich für ein Parfum?» – und dann darf ich an einem verschwitzten Hals riechen. (lacht)

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Der Zürcher Andreas Wilhelm (45) absolvierte eine Lehre als Chemielaborant bei Givaudan und wurde Parfum-Trainee beim Duftstoffhersteller Luzi. Neben der Fortentwicklung seines 2008 gegründeten eigenen Unternehmens war er Hausparfümeur bei Weleda. 2017 lancierte er mit «PERFUME.SUCKS» sein eigenes Duftlabel.
www.perfume.sucks

Wie kann ich meine Nase trainieren?
Laien können einfach mal verschiedene Gurken kaufen, sie in Würfel schneiden und die Unterschiede erriechen. Dann testen: Erkenne ich die kleine Gurke, riecht sie immer noch säuerlicher? Man sollte nicht mit Gewürzen arbeiten, deren Geruch ist zu stark.

Von welchem Duft können Sie nicht genug bekommen?
Von dem meiner Kinder. Obwohl sie langsam Teenager werden – Menschen sind ja wie Käse, sie reifen.

Da Sie alle Gerüche in ihre Bestandteile zerlegen und analysieren – kommt da nicht die Emotionalität abhanden?
Doch, ein Stück weit schon. Zum Beispiel das Schublädli meiner Grossmutter: Das roch für mich als Kind nach Maiglöckchen und Lavendel und etwas ranzig. Heute weiss ich: Das ist Lyral und altes Lavendelöl.

Welche Gerüche triggern Sie denn noch emotional?
Die, die ich ganz bewusst nicht aufschlüssle. Der Moment, wenn ich nach einer Reise nach Hause komme und ins Zimmer meiner schlafenden Kinder gehe – das ist mir heilig.

Text: Michèle Roten
Fotos: Lukas Mäder
Videos: Mattogrosso GmbH

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